Jemanden erklären was Sexualität ist. Vor zweihundert Jahren war die sexuelle Aufklärung, so wie wir sie heute kennen, noch völlig unbekannt. Sexualität wurde im Altertum und Mittelalter als fester Bestandteil des Lebens betrachtet. Wie jedes andere Wissen, wurde auch sexuelles Wissen ganz selbstverständlich erworben und nicht als ein besonders problematischer Komplex betrachtet. Selbst zu Beginn der Neuzeit, als die städtische Mittelschicht begann, wichtige Informationen in gedruckter Form zu verbreiten, wurde Sexualität noch nicht als Thema für sich hervorgehoben. In Lehrbüchern für Kinder wurde sie offen als fester Bestandteil des Lebens gesehen, wie zum Beispiel in dem Buch von Erasmus von Rotterdam „Colloquia Familiaria“. Dieses enthält sehr offene Beschreibungen über sexuelles Verlangen, Geschlechtsverkehr, Empfängnis, Schwangerschaft und Geburt. Es war ein Teil des täglichen Lebens, dem nicht mehr und nicht weniger Bedeutung zugemessen wurde als allen anderen Dingen von allgemeinem Interesse auch (vgl. Haeberle, 1985, S. 519).

Die Aufklärung, welche die AIDS-Hilfe Leipzig e.V. betreibt erfolgt auf Grundlage der emanzipatorischen Sexualpädagogik. Sie geht von einem weit gefassten Sexualbegriff aus, für den Sigmund Freud die Grundlagen schuf. Sexualität durchzieht das ganze Leben des Menschen – von der Geburt bis zum Tod. Sexualität wird verstanden als Lust- und Zärtlichkeitserleben. Sie ist nicht nur ein Naturereignis, sondern Körpersprache, die gelernt werden muss, wie die Sprache selbst. Das Sexualitätskonzept der emanzipatorischen Sexualerziehung schließt natürlich genitale und reproduktive Aspekte ein, aber sie ist nicht auf sie fixiert und sie stellt sie nicht als alleinige Funktion dar. Erziehungsziel ist ein bejahendes, lustbetontes Sexualleben, das alle Aspekte der Sexualität berücksichtigt. Erziehungsprinzipien der emanzipatorischen Sexualpädagogik sind die stufenweise Einführung und Erweiterung der Information, Unterstützung der Bedürfnisse nach Emotionalität und Zärtlichkeit.

Der Leitgedanke einer mehrdimensionalen Sexualität liegt auch der Erziehung im Reifealter zugrunde. Sexualität ist nicht nur Reproduktion, sondern Körpererfahrung, Kommunikation, Körpersprache, Lustbefriedigung und zugleich Entspannung. Ja, Sexualität ist mehr als nur „rein und raus“ oder Geschlechtsverkehr. Selbstbefriedigung, Petting, Schmusen sind keine „Ersatzbefriedigungen“ sondern feste Bestandteile gelebter Sexualität. Homosexualität wird als gleichwertige Sexualform neben der Heterosexualität gesehen.

Diese Erziehung fordert eine kritische Haltung gegenüber allen Zwängen und Ansprüchen, die Sexualität als Leistungs- und Konsumprinzip suggerieren. Sie fordert kritische Analyse und Eigenständigkeit, die auch Verzicht beinhaltet. Emanzipatorische Erziehung setzt sich für die Befähigung zur Gleichberechtigung ein. Partnerschaft ist ihr primäres Anliegen. Verantwortung steht auch in dieser Position an oberster Stelle. Präzisiert durch den Begriff der Solidarität zwischen den Geschlechtern, für sozial Benachteiligte, für Behinderte und für alle, die ihre Rechte auf Selbstbestimmung nicht ausreichend wahrnehmen können. Die Entstigmatisierung der Sexualität im Alter gehört ebenso dazu, wie die Solidarität mit jenen, die HIV-infiziert oder an Aids erkrankt sind. Emanzipation ist in diesem Sinne die Befreiung von Vorurteilen, aber auch die Erziehung zur Toleranz.

Emanzipatorische Erziehung kann nicht alleine durch den Kopf realisiert werden. Sie muss Möglichkeiten eröffnen, sich mit der eigenen Sexualität auseinander zu setzen, mit der eigenen Sozialisation, mit den eigenen Wünschen und Begierden. Dies geht nicht über Belehrungen. An dieser Stelle seien Stichworte wie „lebendiges Lernen“, „Themenzentrierte Interaktion“, „Selbsterfahrung“, „Rollenspiel“ oder Erkundung und Projektunterricht genannt.